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Geschichtlicher Abriss der Corbière

Die Familie Endrion, der Bourgeoisie von Stäffis (Estavayer) und dem Freiburger Patriziertum angehörend, war Ende 18. Jahrhundert Besitzerin der Corbière. Als angesehener Offizier in den Diensten des Königs Ludwig XVI. geriet Georges-Antoine Endrion in das Massaker vom 10. April 1792, in dem 786 Gardisten starben, entkam und übernahm einen aktiven Teil der anschliessenden, missratenen Flucht des Königs. Er selber verliess Paris unter den Strohballen eines Pferdewagens, in denen er auch ein Fässchen Louis d'Or versteckt hielt. Dieses versenkte er im Neuenburgersee und holte es ein paar Tage später von der Corbière aus ab. Von 1809 bis zu seinem Tod 1828 war Georges-Antoine Endrion Bürgermeister von Estavayer.

Ein anderer Patrizier, Nicolas de Boccard , Hauptmann im Dienst des Königs Karl X., welcher 1830 gestürzt wurde, kam aus Frankreich zurück und heiratete die Tochter Endrions, lebte mit ihr auf der Corbière im Manoir und erbaute um 1856 das Schloss. Neun Jahre später ging das Gut in den Besitz der Familie de Boccard über, der es bis 1917 gehörte.

Von 1879 bis 1901 wurde das Schloss vermietet an Anne-Marie Comtesse de Pourtalès-Gorgier, geboren als Comtesse d'Escherny in Paris am 11. September 1820, gestorben auf La Corbière am 7. April 1901. Sie entstammte der Übersee-Kolonie Saint-Dominique. Historische Quellen berichten, dass sie viele Almosen verteilte und fleissig betete, dass sie von bemerkenswerter Schönheit, hervorragender Bildung und geistreicher Präsenz gewesen sein soll. Die Comtesse bewegte sich viel in mondänen Kreisen, in Paris, in Berlin, in Rom und Neapel, wo sie am Hof empfangen wurde. Einen Teil ihrer Zeit verbrachte sie auf dem Schloss von Gorgier, das nach dem Tod ihres Mannes Henri verkauft wurde. Sie zog sich danach auf die Corbière zurück und liess daselbst zu Ehren des Verstorbenen eine Kapelle errichten. Dieser war ein Nachkomme von Jacques-Louis Pourtalès, 1722-1814, Kaufmann von Neuenburg und zu seiner Zeit der reichste Schweizer. Sein Vermögen stammte zum Teil aus dem Sklavenhandel.

Die Comtesse hatte drei Töchter und einen Sohn. Marie, die Älteste, Ordensschwester, leitete ein Waisenhaus in Mazedonien. Emilie heiratete den Baron Gaston Renouard de Bussières, Louise wurde die Gemahlin des Comte Raymond de Geoffre de Chabrignac, Divisionsgeneral. Der Sohn, Comte Arthur de Pourtalès-Gorgier, war Minister für Frankrich auf Guatemala. Es bleibt ein Mysterium : eine junge Frau mit verhülltem Gesicht lebte bei der Comtesse. Sie pflegte, aus einer goldenen Schale zu essen. Gewisse Leute berichten, sie hätte einen Katzenkopf, andere sprachen von einem Schweinsgesicht, am ehesten aber handelte es sich um eine Hasenscharte oder einen Wolfsrachen. Man vermutet, es sei die vierte Tochter der Comtesse de Pourtalès.

Gediegene Gäste besuchten die Corbière. In der Region von Stäffis widerhallte das Geläut der Schellen am vornehmen Zaumzeug der Popurtalès oder der zahlreichen feinen Besucher. Allerhand Adlige aus ganz Europa kamen vorbei : 1895 zum Beispiel die Esterhazy aus Budapest mit sechs Sechs- oder Achtspänner-Kutschen, auch Herzog und Herzogin von Sachsen-Coburg, Cousins der englischen Königin Victoria, oder italienische Prinzen. Die meisten erreichten die Corbière über die Strasse, andere legten an der Schiffländte an, welche die Comtesse hatte bauen lassen. Da sie Grossaktionärin der 1872 gegründeten Neuenburger Schifffahrtsgesellschaft war, durften die Dampfschiffe am Strand der Corbière Zwischenhalt einlegen.


Die Comtesse liebte es, sich auf dem See spazieren führen zu lassen. Der Weg an den See jedoch war ihr zu mühsam, weshalb sie den lokalen Schlosser Philibert Liardet beauftragte, eine Seilbahn zu bauen. Sie wurde betrieben von einem Seilzug mit zwei Kurbeln auf der Felskante. Das Tragseil war am See befestigt an einem erratischen Block, beim Schloss um den Baumstamm eines mächtigen Kastanienbaums. Die Comtesse liess sich in einer Art Tonne auf und ab gondeln.

1903 vermietete die Familie de Boccard das Schloss, den Park, die Hofstatt, den Garten und die Weiden an die Damen de La Rive und Roberty, welche während über 40 Jahren eine Gärtnerinnenschule für Mädchen aus gutem Haus betrieben. Fräulein Jeanne-Alexandrine de La Rive wurde 1929 Besitzerin des Schlosses und seiner Umgebung, während Herr Léon Marmy , ein Bauer aus der Gegend, mit Hilfe seines Schwiegervaters Herr Joseph Baudin schon 1917 den Bauernbetrieb samt Land gekauft hatte. Im selben Jahr brannte das Bauernaus nieder und das Gut wurde aufgeteilt. Familie Baudin lebte fortan im ehemaligen Manoir, Familie Marmy erbaute sich ein neues Wohnhaus.

1946 erwarben die Pères de St François de Sales das Schloss und seine Umgebung und begründeten ein Bubeninternat. Gut dreissig Zöglinge lebten am Ort und besuchten mit siebzig anderen Schülern die Sekundarschule, welche in den 60er-Jahren gebaut wurde und heute als architektonischer Zeitzeuge denkmalpflegerisch gschützt ist, noch bevor das Schloss unter Schutz gestellt worden war. Das Institut La Corbière schloss seine Türen 1987.


1993 kaufte die Gesellschaft Coralisa das ganze Gelände und baute das ehemalige Schulhaus in ein Gesundheitszentrum für Alternativmedizin um. Während die therapeutischen Praxen weiterhin daselbst untergebracht sind, verkaufte Coralisa das Schloss und seine Umgebung samt Seeanstoss an den Filmproduzenten und Hotelier Res Balzli , welcher den Besitz ein Jahr später, zusammen mit der Auberge aux 4 vents in Fribourg, an die Stiftung « Wunderland » vermachte.

Die jourparjour compagnie 2006 betreibt an dem Ort ein Kulturlabor, das sogenannte village nomade.



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